Adili: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge „Gefäße im Fokus“, dem Podcast der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin. Mein Name ist Farzin Adili, ich bin Gefäßchirurg am Klinikum in Darmstadt und derzeitiger Präsident der DGG. Dieser Podcast soll für Sie, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, eine Plattform bieten, um tief in die Themen einzutauchen, die unser Fachgebiet prägen und voranbringen. Gemeinsam mit unseren Gästen beleuchten wir die neuesten Entwicklungen in der operativen, endovaskulären und präventiven Gefäßmedizin und diskutieren aktuelle Themen aus Wissenschaft, Lehre, Klinik und Praxis. Ganz nach unserem Motto: „Wir denken Gefäße weiter“. Mein heutiger Gast ist Professor Alexander Oberhuber, Direktor der Klinik für vaskuläre und endovaskuläre Chirurgie am Universitätsklinikum in Münster und aktueller Vizepräsident der DGG. Du, lieber Alex, wirst also im Januar 2027 das Amt des Präsidenten von mir übernehmen. Herzlich Willkommen!
Oberhuber: Vielen Dank für die Einladung, lieber Professor, es freut mich sehr.
Adili: Mit der heutigen Folge, kurz vor dem 41. Geburtstag unserer Fachgesellschaft am 7. Dezember, möchten wir gerne einmal einen Blick hinter die Kulissen der DGG wagen. Unsere Fachgesellschaft ist die größte gefäßchirurgische Fachgesellschaft Europas und zählt zu den größten der Welt. Beginnen möchte ich daher gerne gleich mal mit deinem persönlichen DGG-Moment: Was war dein magischer DGG-Moment? Wann hast du dich entschlossen, Mitglied zu werden und warum?
Oberhuber: Ich habe mich halt hier früh entschlossen, Mitglied zu werden. Für mich war das immer klar, Teil einer Community zu sein. Ich bin mit Leib und Seele Gefäßchirurg und da gehört es für mich dazu, in der Gesellschaft mitzumachen. Ich war am Anfang klar ein einfaches Mitglied, und mein Moment war damals, eine Zeit lang her wie gesagt, man brauchte noch zwei Bürgen, um Mitglied zu werden. Das gibt es heute zum Glück nicht mehr, aber als mein damaliger Chef Professor Sundar Plassmann, Gründungsmitglied der DGG, gesagt hat: „Herr Oberhuber, das finde ich eine gute Idee“. Er hat gesagt, ja, mein Chef ist dafür, auf geht's, jetzt werde ich Mitglied. Ich habe mich dann entsprechend beworben, wie es damals hieß, und war ganz froh, auch dann aufgenommen zu werden, in diese damals für mich sehr illustre Gesellschaft.
Adili: Welchen Mehrwert hat aus deiner Sicht so eine DGG-Mitgliedschaft? Also, was hat das für dich ganz konkret gebracht?
Oberhuber: Für mich hat es recht viel gebracht, weil ich natürlich einmal durch die ganzen Gremien durchgegangen bin, und ich konnte auch irgendwann aktiv an der Entwicklung unseres Faches teilnehmen. Ich konnte Sachen mitentscheiden, in Gremien mitarbeiten, das hat für mich schon viel gebracht. Aber es ist natürlich auch so, nicht jeder ist ganz aktiv vorne dabei, sondern wir haben ja auch sehr viele Mitglieder, die die DGG sehr schätzen, aber nicht unbedingt einen aktiven Part. Aber auch hier, glaube ich, gibt es wirklich einen großen Mehrwert. Wir haben die Jahrestagung, die wir veranstalten, wir haben die Sommerakademie, wir haben diverse Formate für unsere Kolleginnen und Kollegen, die eben Vorteile genießen, wenn sie Mitglieder sind. Und das früher noch wirklich kleinste, heutzutage wirds ja immer uninteressanter das gedruckte Format, aber früher, war es schon mal unsere Zeitschrift „Die Gefäßchirurgie“ in den Händen zu halten und zu sagen: Als Mitglied bekomme ich das und ich habe da die neuesten Informationen. Ich habe auch tolle Studien, ich habe Informationen, ich habe Studien, die besprochen werden, aber ich habe auch Mitteilungen des Vorstandes“, der für mich am Anfang doch sehr weit weg war. Das hat mich früher extrem begeistert.
Adili: Ja, ging mir eigentlich ähnlich. Also intrinsisch wollte ich gar nicht so sehr in die DGG rein, beziehungsweise ich hatte gar keine Idee davon, was mich erwartet. Wurde auch durch meinen damaligen Chef, Professor Schmitz-Rixen, der dann auch später Präsident wurde, jetzt ja Generalsekretär der DGCH, so ein bisschen da hineinmanövriert. Vor allen Dingen dann natürlich, um an dem wissenschaftlichen Programm teilzunehmen, uns dort zu präsentieren und sich dann auch für die Preise, die die DGG ja ausschreibt, zu qualifizieren. Das geht ja nur als DGG-Mitglied. Aber den eigentlichen Umfang dieser Arbeit, der Vereinsarbeit, den habe ich eigentlich gar nicht so überschaut. War das bei dir auch so?
Oberhuber: Ja, also man nimmt es als junger, ich war junger Assistenzarzt im dritten Jahr, ja nicht diese ganzen Aufgaben wahr, die so eine DGG alles macht. Für mich war es die wissenschaftliche Fachgesellschaft, die den Jahreskongress macht und wie du schon sagst, an der Uni ist das einfach wichtig zu sagen: Ich stelle mich dahin, ich halte einen Vortrag. Und wenn man dann noch, gerade als junger Mensch, da ins Plenum darf, in den Hauptsaal, das war für mich schon eine ganz, ganz tolle Sache. Und dann auch weitere Sachen machen zu dürfen, irgendwann mal so ein Vorsitz, wo man gefragt wurde, hat mich enorm angespornt mehr zu machen. Wir haben jetzt mittlerweile ganz andere Formate noch, die viel toller sind, aber wie schon schon gesagt, die Zeitschrift war für mich einfach eines der größten Sachen. Immer wenn man bei den großen Chefs reingegangen ist oder in den Bibliotheken, dann waren die großen Bände und die ganzen gesammelten Werke der Gefäßchirurgie und anderen Zeitschriften und plötzlich durfte ich da so einen Teil in der eigenen Hand halten. Ich weiß nicht, wie war es bei dir mit der Zeitschrift? Also für mich war das wirklich etwas ganz, ganz Großes, mein erstes eigenes Exemplar in der Hand halten, so und nicht beim Chef reinzuschauen: „Kann ich mal da reingucken?“
Adili: Ja, also für mich, das war für mich nicht so ausschlaggebend. Ich hatte Zugriff auf die Zeitschrift durch die Klinik, durch die Handbibliothek, die man ja damals noch hatte in den einzelnen Kliniken. Das war… spielte für mich gar nicht mal so eine ausschlaggebende Rolle, da kam ich immer ran. Ehrlich gesagt, ich muss ganz ehrlich sagen, ich wusste gar nicht, was ich so erwarten sollte von der DGG. Was würdest du denken: Wann ist der richtige Zeitpunkt, Mitglied zu werden, für jemanden, der in der Gefäßchirurgie arbeitet oder arbeiten möchte, oder spielt das überhaupt keine Rolle?
Oberhuber: Es gibt keinen falschen Zeitraum, kein falsches Alter einzusteigen. Ich kann immer sagen: Was sage ich meinen Assistentinnen und Assistenten? Werdet Mitglieder, ihr habt so einen Benefit, ihr könnt so viel profitieren und ihr kommt in die Community. Ich glaube, mehr als je zuvor ist netzwerken umso wichtiger, sich mit Leuten zu vernetzen. Das ist ideal möglich, sei es an der Jahrestagung oder an anderen Veranstaltungen, was mitzubekommen, was denn in Deutschland abläuft in der Gefäßchirurgie. Deswegen meine Empfehlung, so früh als möglich, aber auch wenn man schon erfahren ist, Oberarzt, Leitender Oberarzt, Leitende Position, es ist nie zu spät beizutreten.
Adili: Welche Möglichkeit haben denn unsere Mitglieder, für die DGG oder in der DGG mitzuarbeiten? Wir haben ja 21 Kommissionen und Sektionen. Kannst du kurz was dazu sagen: Was eine Kommission ist, was eine Sektion ist, warum wir das überhaupt unterscheiden und was es da überhaupt für Möglichkeiten gibt, in der DGG mitzumachen?
Oberhuber: Also wir unterscheiden einmal die Kommissionen, die direkt von der DGG, die einzelnen Subbereiche sind oder wie ich dich zitieren darf: „Das ist der Motor unserer Fachgesellschaft und wir versuchen zu steuern.“ Es sind die, wo auch viel Gremienarbeit geleistet wird, wo viele Fragen beantwortet werden, Ideen weiterentwickelt werden. Dann haben wir die Sektionen: Sektionen sind der privaten Akademie zugeordnet, die eben nicht nur für strategische und ideelle Sachen sind, sondern da geht es meistens auch um ganz klare Aufgaben. Beispiel: Die Sektion Endovaskuläre Techniken ist eben für das Curriculum des Endovaskulären Chirurgen, des Endovaskulären Spezialisten und Spezialistinnen zuständig, die Sommerakademie, die Kurse werden veranstaltet, die Prüfungen werden abgehalten und das ist für jeden da was dabei, wie du es schon sagst. Für 21 Kommissionen und Sektionen, man kann da mitarbeiten, für jeden gibt es ein gewisses Thema von Diversität und Vielfalt, wir haben Ultraschallkommissionen, wir haben offene Techniken, endovaskuläre Techniken, Schallkommissionen, Trauma und mannigfaltige Themen. Also, ich glaube da kann sich jeder wiederfinden und wenn jemand sagt: „Ich möchte da mitarbeiten, ich möchte die Arbeit mitgestalten, ich möchte Ideen mich einbringen, ich möchte mich als Person einbringen“, dann jederzeit. Wir haben in jeder Kommission oder Sektion einen Leiter, eine Leiterin, die man anschreiben kann oder auch wenn ich sonst noch jemanden kenne oder auch direkt über die Geschäftsstelle über uns Vorstandsmitglieder - also egal wie der Kontakt ist, Leute, die gewillt sind mitzuarbeiten, sind immer herzlich willkommen und man findet eigentlich für alle einen Bereich, wo man die einsetzen kann.
Adili: Ja, die Kommission und Sektion findet man ja bei uns auf der Website ganz gut, da stehen sie untereinander und wenn man sie anklickt, findet man auch die Personalzusammensetzung und dann kann man eigentlich uns alle niederschwellig kontaktieren und mitmachen. Welche Kommissionsarbeit war eigentlich dein persönlicher Einstieg in die DGG? Also über welche Kommission oder über welchen Kanal bist du sozusagen in den Inner Circle aufgenommen worden?
Oberhuber: Eine Kommission, die es noch nicht gab. Ich bin, wie gesagt, relativ früh in Kontakt gekommen und zwar mein ehemaliger Chef, Herr Prof. Ohrendt, kam mit einem Zettel zu mir: „Do musch hi!“ Da war ein Treffen in Heidelberg.
Adili: Das musst du nochmal übersetzen, nicht jeder ist so im, was ist das, Altschwäbisch oder was?
Oberhuber: Nee, es ist tiefst bayerisch und er hat gemeint: „Oh, da musst du hinfahren.“ Da war ein Treffen, ausgerufen von Professor Böckler, damals auf dem damaligen Heidelberger Reisen, wo sich Assistenten und Assistenzärztinnen treffen sollten, um eben eine Nachwuchsorganisation zu gründen. Und wir haben ein wirklich tolles Forum bekommen, wo wir eigene Vorträge gehalten haben und ja uns erstmalig auch wirklich so ein bisschen vernetzt haben. Es ist lange, lange her und wir haben dann damals das Junge Forum gegründet. Eigentlich noch bevor es eine offizielle Kommission der DGG war, haben wir uns zusammengeschlossen und gesagt: „Das wäre doch toll, wenn wir uns da einbringen können, wenn wir da auch Teil der DGG werden können.“ Das ist dann vom damaligen Vorstand gut aufgenommen worden, haben gesagt: „Super, super Idee. Macht das, werdet eine Kommission.“ Und haben dann eben offiziell das Junge Forum als offizielle Kommission gegründet, mit damals noch unterschiedlichen Arbeitsgruppen. Und da bin ich so ein bisschen in diese Gremienarbeit reingekommen, habe auch erstmalig mit dem Vorstand Kontakt gehabt, mit den entsprechenden Personen in der Geschäftsstelle. Mir ist da relativ schnell klar geworden: Das finde ich toll, man kann sich einbringen, man kann Ideen verwirklichen. Es war klar, auf der Ebene will ich weitermachen.
Adili: Dann hast du ja irgendwann mal angefangen, auch Verantwortung zu übernehmen. Ist das aus eigenem Antrieb geschehen oder inwieweit braucht es tatsächlich auch irgendeine Form von Mentoring in der DGG? Braucht es jemanden, der einem hilft oder kommt man alleine gut zu Pass?
Oberhuber: Ja, wie immer, man kommt alleine schon vorwärts, ist aber schwieriger. Wenn man etwas geführt wird, ein bisschen Hilfe bekommt und auch entsprechende Mentoren hat. Bei mir war es halt so, ich war dann AG-Leiter, dann stellvertretender Sprecher des Jungen Forums und es ging halt dann so vorwärts, bis ich dann ausgeschieden bin, weil ich dann auch irgendwann mal Oberarzt war und wir dann gesagt haben: Okay, das passt dann irgendwann nicht mehr mit dem Jungen Forum. Ich bin dann aber eben über meinen ehemaligen leitenden Oberarztkollegen Professor Kai Balzer, der damals Vorstandsmitglied war, eben so ein bisschen herangeführt worden. Er hat gesagt: „Du, willste nicht? Was ist? Schau, wir machen das und das...“ und bin dann eben auch über diese Schiene, auch dann noch über das Junge Forum, wo ich natürlich immer noch gute Kontakte hatte, in den Vorstand gekommen. Beziehungsweise habe mich dann damals als Vertreter in abhängiger Position, also der Vertreter der Assistenzärztin und Assistenzärztin, Oberärztinnen und Oberärztin in den Vorstand gewählt worden. Und so Schritt für Schritt kommt man halt weiter und mich hat das sehr, sehr geprägt, aber auch geholfen, was Kai Balzer immer zu mir gesagt hat. Wie man dann, was der Vorstand macht, um was es da geht und kann man sich einbringen oder kann man sich dann nicht einbringen und ist man überhaupt erwünscht als damals junger Oberarztkollege. Also das hat mir schon sehr geholfen, deswegen glaube ich, ist Mentoring einfach immer ein ganz, ganz wichtiges Teil und gewichtiger Part von so einem Prozess.
Adili: Nimm uns doch mal kurz in so eine Vorstandssitzung mit. Was passiert da eigentlich? Wer sitzt da und wie läuft das eigentlich ab? Wie muss man sich das vorstellen?
Oberhuber: Ja, es läuft wie jede Sitzung ab. Es gibt verschiedene Teilnehmer, in dem Fall eben Präsident, aktuell ja du, Vizepräsident, ich. Wir haben immer noch den Past-Präsident, also der die Geschäfte, das vorher geführt hat. Dann gibt es je nach Vereinsstruktur unterschiedliche. Bei uns gibt es noch den Schatzmeister, der drin ist. Dann gibt es den Sekretär, der auch immer eine ganz wichtige Position einnimmt. Dann haben wir den Vertreter der sogenannten abhängigen Position, das ich früher auch mal gemacht habe. Wir haben dann eben noch einen Vertreter der Niedergelassenen, was sehr wichtig ist, weil die anderen Mitglieder sind ja meistens Angestellte, erst im Krankenhaus. Also auch die sich den Niedergelassenen immer haben. Und dann haben wir den Vertreter der Universitären, und wir haben noch einen Beisitzer, der auch dabei ist. Also wir sind eine nicht große Gruppe, aber eine recht überschaubare Gruppe, die dabei ist. Wer auch immer dabei ist, ist natürlich unsere Geschäftsführerin, die jetzt nicht offiziell Part des Vorstandes ist, aber die natürlich extrem wichtig ist für unsere Vorstandsarbeit. Wir treffen uns mehrfach im Jahr. Wir haben diverse Sitzungen an entweder anderen Veranstaltungen, wie der Jahrestagung, wie in der Sommerakademie und haben eigentlich immer ein relativ straffes Programm, das abzuarbeiten ist mit verschiedenen Tagespunkten, die dann von einer einzelnen Person oder eben meistens vorwiegend von mir als Präsident vorgestellt werden. Dann werden diskutiert, werden Sachen abgestimmt: Wie machen wir das? Wie entwickeln wir die Fachgesellschaft weiter? In welche Richtung geht es? Wo wollen wir uns engagieren? Wo wollen wir uns nicht engagieren? Im Austausch, interdisziplinär mit anderen Fachgesellschaften: Wann machen wir das? Wie machen wir das? Alle diese Dinge sind zu diskutieren, sind zu besprechen und schlussendlich zu verabschieden. Natürlich auch immer die Finanzen, die wir von unseren Mitgliedern im Blick haben und was zunehmend mehr einfach auch an Zeit einnimmt, sind die ganzen berufspolitischen Sachen. Jeder hat ja schon mal gehört: „Landeskrankenhausplan“, „Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz“ und wie sie alle heißen. Da gibt es immer relativ viel Arbeit, wo eben der Vorstand der DGG, Innenvertretung für die DGG aktiv wird und die Weichen stellen muss für die Zukunft.
Adili: Wie siehst du so das atmosphärisch? Ist da immer Friede, Freude, Eierkuchen? Gibt es auch haarige Momente in so einer Vorstandssitzung? Geht man sich da auch mal richtig ran oder ist das einfach eine freundliche Gesprächsrunde?
Oberhuber: Ja, haarig würde ich nicht sagen. Es wird diskutiert, wir sind nicht immer der gleichen Meinung, aber ich glaube immer wenn mehr als eine Person im Raum ist, ist man nicht immer derselben Meinung, was ja auch nicht schlimm ist. Aber wir haben ein recht gutes Miteinander, wir können unsere unterschiedlichen Meinungen schlussendlich doch immer in etwas Produktives kanalisieren und richtig haarig kenne ich nicht. Also wo man sich ja unangemessen irgendwie verhalten würde sowas. Wir diskutieren es aus, schlussendlich wird abgestimmt und die Mehrheit gewinnt, so ist es in der Demokratie. Aber auch das kann ich sagen, die allermeisten Entscheidungen treffen wir einheitlich, das heißt: Keine Gegenstimmen, sondern wir sind da Rechner mit einer Stimme im Vorstand.
Adili: Wir sind immer von dem Wunsch geleitet, einfach die Gefäßchirurgie und unseren Mitgliedern weiterzuhelfen und bemühen uns dann eigentlich immer um einen großen fachlichen Konsens, den man nicht immer hinbekommt, aber doch weitgehend.
Was hat denn deine Vorstandsarbeit für dich jetzt persönlich so gebracht oder was hast du da rausgezogen, für dich persönlich, aber vielleicht auch im Hinblick auf deine eigene Karriere? War das irgendwie sinnstiftend oder sagst du dir, ich bin jetzt da drin und jetzt habe ich eine Aufgabe und es ist mehr Stress, es ist mehr Arbeit und weniger Spaß?
Oberhuber: Also sagen wir es so, es ist natürlich mehr Arbeit. Das ist glaube ich jedem klar, der sich irgendwo ehrenamtlich engagiert. Das ist so, aber schlussendlich ist es dann auch wieder Spaß, weil es mir Spaß macht, Weichen zu stellen und Sachen vorwärts zu bringen. Wenn man jetzt mal denkt: „Was hat es mir persönlich gebracht?“, dann denkt natürlich jeder, ja man entscheidet im Vorstand sowas, dass man jetzt in der eigenen Klinik mehr operieren kann oder einem Vorteil erwachsen. Das ist nicht der Fall, aber es bringt einem was und jeder, der irgendwann eine Position, eine leitende Position in der Klinik übernommen hat oder übernehmen möchte, muss sich natürlich im Klaren werden, was unterscheidet mich von anderen Mitbewerbern. Ja, es ist das Fachliche, klar, im Universitären das Wissenschaftliche, aber man darf auch nicht ganz vergessen: Man sollte einen gewissen Grad der Vernetzung haben, man sollte einen gewissen Grad der Bekanntheit haben und man sollte auch einen gewissen Grad an Leitungsfunktionen schon gehabt haben. Wenn man sagt: Ich bin im Vorstand, ich hab hier diese Position, dann ist das sicherlich von Vorteil. Und es bringt einem natürlich auch was im alltäglichen Leben, wenn man wie du schon gesagt hast, wir versuchen einen Konsens hinzubekommen, versuchen das Größere, das große Ganze zu sehen, auch wenn es vielleicht nicht für alle die ideale Entscheidung ist, versuchen wir ein großes Ganzes und das ist das, was wir ja auch im Klinikalltag mit anderen Fachrichtungen, mit anderen Kollegen hinbekommen müssen. Wir sind nicht immer der gleichen Meinung, wir sind auch in der Therapie unserer Patienten nicht immer der gleichen Meinung wie andere Fachrichtungen. Aber schlussendlich brauchen wir diesen Konsens, wir brauchen eine klare Entscheidung, wie wir Patienten behandeln oder auch wie wir eine gewisse Sache handhaben und das ist in solchen Gremien auch immer gut. Das heißt man profitiert an beiden Seiten, wenn man schon Erfahrung hat, ist es gut, die man einbringen kann, aber man lernt natürlich auch einen Konsens für das große Ganze zu erreichen.
Adili: Neben dem Fachlichen, Leitlinienarbeit zum Beispiel, aber auch der wissenschaftliche Austausch ist es vor allen Dingen denke ich auch das Networking, das Netzwerken und zwar untereinander, dass wir miteinander ins Gespräch kommen, uns kennenlernen. Also es gibt kaum Gefäßchirurgen in Deutschland, die ich nicht kenne, von denen ich nicht gehört habe oder die ich nicht sogar duze und aber auf der anderen Seite natürlich auch die Möglichkeit gestalterisch tätig zu werden. Ich meine, wir werden ja außerhalb, sage ich mal, unserer Kliniken, unserer Institutionen selten für strategische Überlegungen in gesundheitspolitische, sozialpolitische Überlegungen mit einbezogen und die DGG ermöglicht einem dort oder bietet eine Plattform das zu tun und dann auch nach außen in die Politik oder auch bei den Stakeholdern zu wirken und dann die Bedingungen, unter denen wir unser Fach ausüben können, zu verbessern. Ich denke jetzt zum Beispiel an die G-BA-Richtlinie, wo wir dafür lobbyiert haben, dass entsprechend die Intensivpflege-Fachweiterbildungsanteile gesenkt werden konnten. Ich denke an die Qualitätssicherungsrichtlinie zum ambulanten Intervenieren, wo wir die Gefäßchirurgie jetzt endlich auch etablieren konnten und das nicht nur den Radiologen das Feld überlassen haben. Also es gibt doch eine Vielzahl von Dingen, die man praktisch durch die DGG in der DGG bewirken kann. Die Leitlinien, unsere tägliche Praxis, da tut sich doch… das ist doch wirklich befriedigend eigentlich. Also so habe ich es immer wahrgenommen.
Oberhuber: Absolut. Ich sage ja, mir macht es Spaß, Sachen mitzuentwickeln und es ist ja nicht immer nur das Entscheidende, sondern es sind viele Entwicklungen, wie du schon sagst, es ist viel berufspolitisch passiert und das ist halt auch mittlerweile ein großer Teil von dem. Aber was ganz, glaube ich, in meinen Augen mir auch extrem Spaß macht, sind die ganzen wissenschaftlichen Sachen. Wie schon angesprochen, Leitlinien, ich durfte ja auch zwei Leitlinien federführend mitentwickeln und das ist halt: Wie behandle ich einen Patienten? Mit welcher Art von Therapie? in welcher Form? U was geht es? Das ist in Leitlinien festgeschrieben. Auch hier muss ich den Konsens bei vielen Sachen erreichen, aber das macht mir extrem viel Spaß. Und auch der Jahreskongress ist eine ganz tolle Sache, wo man sich austauscht, wo man die neuesten Daten präsentiert. Über eine Sache haben wir noch gar nicht gesprochen, aber ich glaube, das ist eine der ganz wichtigsten Sachen, die Weitergabe unseres Faches an unseren Nachwuchs. Wir haben ja gerade durch die Sommerakademie, aber auch durch andere Formate auch viel zu tun mit unserem Nachwuchs und bilden die weiter, machen auch Fortbildungen, um zu schauen: Was ist wichtig in unserem Fach, in welche Richtung geht es und was ist für die eine ganz relevante Sache? Aber was wir nicht ganz vergessen dürfen, das wird manchmal auch ein bisschen vergessen, die Weiterbildungsordnung wird ja auch von der DIG mitgestaltet. Ja, in dem Rahmen, der mit Ärzten und der Bundesärztekammer halt ist, aber die Inhalte entscheiden wir ja mit und somit sind wir prägend bei diesen Sachen. Ich durfte ja bei der letzten WBO auch mitmachen unter dir. Es macht schon Spaß.
Adili: Du hast jetzt kurz die Leitlinie erwähnt, an welchen Leitlinien hast du mitgearbeitet?
Oberhuber: Also ich durfte die Leitlinie Nierenarterienstenose oder wie sie jetzt heißt Arteriosklerotische Nierenarterienstenose zuletzt federführend mitarbeiten. Ich bin da auch so ein bisschen durch Zufall reingerutscht, damals im Vorstand.
Adili: Du warst also kein ausgewiesener Nierenarterieninterventionalist oder Nierenbypassoperateur, sondern man hat dir das Vertrauen geschenkt?
Oberhuber: Naja, es war so, ich habe gesagt, es wurde noch jemand gesucht, der damals Thomas Hupp unterstützen sollte, der ja damals viel dazu publiziert hat und die Leitlinie geschrieben hatte, die letzte Version. Ich habe da schon viel mitgearbeitet, konnte ihn unterstützen und habe das dann auch sozusagen im offiziellen Partner der AWMF koordiniert und durfte jetzt mit der neuen Leitlinie die selber machen. Und klar, mittlerweile machen wir natürlich viel mehr, als ich es damals gemacht habe. Ich bin eben diesen Weg reingekommen, hat mir extrem viel Spaß gemacht. Literatur, Evidenz basiert zu analysieren, Empfehlungen für die Leute zu machen und was ich jetzt zuletzt gemacht habe, war ja die Leitlinie Aortendissektion Typ B, was für unser Fach, glaube ich, eine ganz, ganz wichtige Leitlinie ist, weil Patienten ja zu uns kommen mit ihrer Typ B-Dissektion, auch wenn es jetzt nicht ganz so häufig ist, wie vielleicht die paVk, ist doch ein sehr, sehr schwieriges, komplexes Krankheitsbild. Ich denke, die Leitlinie ist auch entsprechend schön geworden, viele, viele neue Empfehlungen haben wir ausgesprochen.
Adili: Ja, also nur Mut, keine Berührungsängste. Das ist alles, das wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Wenn man Interesse hat an der Mitarbeit bei solchen Leitlinien, dann einfach melden.
Oberhuber: Absolut. Wie gesagt, ich bin da auch relativ unbedacht hereingekommen. Man muss nicht der größte Spezialist sein. Der Wille mitzumachen, interdisziplinär in dem Fall zu arbeiten, sich abzustimmen in so einem Leitlinienprozess, ist eine ganz, ganz tolle Sache, weil man viel über die Erkrankung nochmal erfährt, aber auch ein so ein strukturierter Prozess, wie eine Leitlinie zu entwickeln ist, das ist toll, macht wissenschaftlich extrem viel Spaß und kann ich nur jedem empfehlen.
Adili: Und die Jungen bringen ja dann auch oftmals noch eine eigene Perspektive mit rein, die wir Alten vielleicht gar nicht mal so in die Diskussion einbringen können oder wo wir gar nicht den Blick dafür haben. Ich denke da jetzt nicht so sehr an die Leitlinie, aber wenn ich an unsere neue Kommission Vielfalt und Integration denke, auch auf der gesellschaftspolitischen Ebene, viele Impulse, die wir durch junge Mitglieder kriegen könnten. Was würdest du dir denn wünschen für die DGG von unseren Mitgliedern, die da draußen jetzt Gefäßchirurgie betreiben, die die DGG mit Sympathie begleiten, aber sich noch nicht so richtig getraut haben bisher aus der passiven Mitgliedschaft in eine aktive überzugehen?
Oberhuber: Mehr Mut. Ich glaube, es gibt ganz viele die mitmachen möchten, sich aber nicht trauen, weil viele glauben, es ist ein Closed-Job. Wir sind so eine eingeschworene Community, wo man nicht reinkommt, wo die vielleicht nicht gern gesehen werden und wenn ich jetzt sage, ich komme vielleicht nur von meinem kleinen Haus, wir operieren ja gar nicht so viel - spielt alles keine Rolle. Es geht hier um die Gefäßchirurgie allgemein und es geht nicht um die eine Operation oder die andere Operation und ob ich den Draht nehme oder diese Schere habe, ist vollkommen egal. Jeder, der mitmachen möchte und engagiert dabei ist, ist herzlich willkommen und super gern gesehen. Deswegen, mehr Mut, meldet euch, wir beißen nicht.
Adili: Das ist ein wunderbares Schlusswort: Wir beißen nicht, wir schneiden nur. Ja, lieber Alex, die Zeit ist wirklich schnell verflogen. Das war wirklich ein interessanter und auch wirklich toller Rückblick mit dir noch einmal in die Historie der DGG, aber auch in unserer Arbeit als Fachgesellschaft. Vielen Dank dafür.
Oberhuber: Bitte, gerne.
Adili: Ja, auch Ihnen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, vielen Dank, dass Sie wieder dabei waren. Wenn Sie Fragen haben oder Ihr Feedback mit uns teilen möchten, schreiben Sie uns gerne an unter podcasts@medizinkommunikation.org und wenn Sie Spotify hören, können Sie uns auch eine Bewertung hinterlassen. Ich freue mich jetzt schon auf die neue Folge von „Gefäße im Fokus“ und wünsche Ihnen bis dahin ein paar besinnliche Festtage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Bleiben Sie interessiert und vor allem, bleiben Sie gesund.