Die vergangenen Wochen waren für die DGG arbeitsintensiv und fachpolitisch bedeutsam. Krankenhausreform, Leitlinienarbeit, Weiterbildung, Anerkennung ausländischer Abschlüsse, Resilienz des Gesundheitswesens und die Vorbereitung unserer Jahrestagung in Frankfurt haben uns intensiv beschäftigt.
Dabei wurde erneut deutlich: Die Gefäßchirurgie steht an zentralen Nahtstellen der Versorgung. Wir sichern Organfunktion, Extremitätenerhalt, Mobilität, Lebensqualität und in akuten Situationen häufig auch das Überleben. Diese Rolle müssen wir wissenschaftlich fundiert, klinisch exzellent und politisch klar vertreten.
Das sind die Themen meines heutigen Newsletters:
● Krankenhausreform und Leistungsgruppen
● BMG-Referentenentwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz
● Anerkennung ausländischer Abschlüsse
● Weiterbildung und gesundheitspolitischer Austausch
● 42. DGG-Jahrestagung
● SommerAkademie
● Resilienz und Transdisziplinarität
● Wissenschaftspreise und Stipendien
● Neue Podcast-Folge "Gefäße im Fokus"
● Webinar "Behandlung der Carotisstenose: Der schmale Grat?"
● Dank und Ausblick
Krankenhausreform und Leistungsgruppen
Die Diskussion um Krankenhausreform, Leistungsgruppen, Mindestvorhaltezahlen und Zentralisierung bleibt ein zentrales Thema. Wir unterstützen das Ziel, Qualität zu stärken und Gelegenheitsversorgung zu vermeiden. Zugleich müssen wir klar unterscheiden zwischen wissenschaftlich belegbaren Qualitätsanforderungen und rein regulatorisch gesetzten Strukturvorgaben.
Unsere Position ist eindeutig: Mindestmengen, Vorhaltezahlen und Leistungsgruppenzuordnungen dürfen nicht den Eindruck wissenschaftlicher Evidenz erwecken, wenn diese Evidenz für konkrete Schwellenwerte nicht belastbar vorliegt. Zentralisierung kann sinnvoll sein, wenn sie Qualität verbessert. Sie darf aber Versorgungssicherheit, Weiterbildung und regionale Erreichbarkeit nicht gefährden.
BMG-Referentenentwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz
Die DGG hat den Referentenentwurf des BMG zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz kommentiert. Wir unterstützen das Ziel stabiler Beitragssätze, kritisieren aber eine undifferenzierte Kostendämpfung in der Gefäßmedizin. Pauschale Ausgabenbegrenzungen, erweiterte MD-Prüfungen, Fallzusammenführungen und mögliche Kurzlieger-DRGs können problematisch werden, wenn dadurch komplexe, mehrstufige und leitliniengerechte Behandlungen ökonomisch bestraft werden.
Abgelehnt haben wir eine verpflichtende Zweitmeinung als Vergütungsvoraussetzung für zeitkritische gefäßmedizinische Indikationen. Bei symptomatischer Carotisstenose und chronisch extremitätenbedrohender Ischämie sind Verzögerungen medizinisch nicht vertretbar. Hier fordern die Leitlinien unter bestimmten Bedingungen eine rasche Intervention.
Unsere zentrale Kritik lautet: Regulatorische Gatekeeping-Mechanismen dürfen bei zeitkritischen Gefäßerkrankungen nicht zu Behandlungsverzögerungen, höheren Amputations-, Schlaganfall- oder Mortalitätsrisiken und am Ende auch höheren Folgekosten führen.
Anerkennung ausländischer Abschlüsse
Auch zum Referentenentwurf zur schnelleren Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen haben wir Stellung genommen. Die DGG unterstützt schnellere, transparentere und digitalere Verfahren ausdrücklich. Der Fachkräftemangel macht effiziente Anerkennungsprozesse notwendig.
Gleichzeitig darf Beschleunigung nicht mit einer Absenkung fachlicher Standards einhergehen. Gerade in chirurgischen Fächern reicht eine formale Dokumentenprüfung nicht aus. Klinische Handlungskompetenz, operative Entscheidungsfähigkeit, Komplikationsmanagement und Patientensicherheit müssen angemessen berücksichtigt werden.
Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse ist daher nicht nur ein Verwaltungsverfahren, sondern auch ein Patientensicherheitsverfahren. Internationale Kolleginnen und Kollegen sind ausdrücklich willkommen. Gute Integration gelingt aber nur mit klaren Standards, strukturierter Supervision und verlässlicher Weiterbildung.
Weiterbildung und gesundheitspolitischer Austausch
Ein besonderer Schwerpunkt war die ärztliche Weiterbildung. Die DGG hat hierzu eine Stellungnahme an das Bundesministerium für Gesundheit verfasst und deutlich gemacht, dass Weiterbildung nicht als nachgeordnete Organisationsfrage behandelt werden darf. Sie ist eine zentrale Voraussetzung künftiger Versorgungssicherheit.
Gerade in einem operativ und interventionell anspruchsvollen Fach wie der Gefäßchirurgie braucht Weiterbildung verlässliche Strukturen: ausreichende Fallzahlen, qualifizierte Supervision, planbare Rotationen, strukturierte Weiterbildungsverbünde und rechtssichere Kooperationsmodelle zwischen Kliniken. Wenn Krankenhausreform, Zentralisierung und Leistungsgruppen die Versorgungslandschaft verändern, muss Weiterbildung von Anfang an mitgedacht werden.
Diese Anliegen konnten wir auch in einem Video-Call mit Stephan Pilsinger MdB adressieren. Im Mittelpunkt standen Versorgungssicherheit, regionale Strukturen, Weiterbildung und die Zukunft gefäßchirurgischer Expertise.
42. DGG- Jahrestagung
Die Vorbereitung unserer Jahrestagung vom 23. bis 26. September 2026 in Frankfurt schreitet voran. Unser diesjähriges Motto lautet: „Heilkunst, Hightech, Exzellenz – Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin gestalten. Jetzt!“
Das Motto trägt. In diesem Jahr haben wir eine rekordverdächtige Zahl an Abstracteinreichungen erhalten, insbesondere zur Aortenchirurgie. Den Mitgliedern des wissenschaftlichen Komitees, die über die Abstractauswahl beraten haben, danke ich bereits jetzt herzlich für ihr großes Engagement.
Besonders freue ich mich auf die starke internationale Beteiligung und auf Sitzungen, die fachliche Exzellenz mit Zukunftsfragen unseres Faches verbinden. Dazu gehören unter anderem die interdisziplinäre Versorgung der mesenterialen Ischämie sowie Leadership, Karrierewege und Sichtbarkeit in der Gefäßchirurgie.
SommerAkademie 2026
Auch möchte ich Sie auf die SommerAkademie 2026 aufmerksam machen. Sie findet vom 22. bis 26. Juni 2026 in Berlin Mitte statt und bietet erneut ein breites, praxisnahes und hybrides Fortbildungsprogramm.
Es sind noch wenige freie Plätze in folgenden Kursen verfügbar: Gefäßchirurgie kompakt (Präsenzveranstaltung oder online), Phlebologie – Intensivkurs, Spezialkurs Shunt – Endovaskuläre Techniken am Dialysezugang, Ultraschall – Refresher für Assistenzberufe
Resilienz und Transdisziplinarität
Im Kontext der Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft Resilienz im Gesundheitswesen innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie haben wir die Diskussion über Resilienz weitergeführt. Die sogenannten 3K-Szenarien, also Krise, Krieg und Katastrophe erfordern nachdrücklich, dass unser Gesundheitssystem insbesondere auch vor dem Hintergrund der aktuellen Ressourcenknappheit unter Belastung handlungsfähig bleiben muss.
Dafür reicht klassische Interdisziplinarität oft nicht aus. Wir brauchen zunehmend Transdisziplinarität: ein Denken über die eigene Fachlogik hinaus, eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Vorbereitung und gemeinsame Verantwortung über Fach-, Berufsgruppen- und Sektorengrenzen hinweg. Die Gefäßchirurgie spielt hier eine zentrale Rolle, insbesondere bei Trauma, Gefäßverletzungen, Blutungsmanagement, Organ- und Extremitätenerhalt sowie in der kritischen Infrastruktur medizinischer Versorgung.
Wissenschaftspreise und Stipendien
Ebenso wichtig ist mir der Hinweis auf die Wissenschaftspreise und Stipendien der DGG und unsere neu aufgelegte MAGiC-Kampagne (MAGiC 2.0). Die DGG vergibt unter anderem wieder den Wissenschaftspreis und den Aortenpreis in Höhe von je 4.000 Euro sowie das Forschungsstipendium, das der Vorstand seit diesem Jahr deutlich aufgewertet hat: Es ist nun mit 20.000 Euro dotiert, so dass ein geplantes klinisches oder grundlagenorientiertes prospektives Projekt damit substanziell gefördert werden kann. Solche Förderinstrumente sind für die Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin von großer Bedeutung. Sie machen wissenschaftliche Leistung sichtbar, unterstützen Karrieren und stärken die Innovationskraft der Gefäßmedizin insgesamt. Ich möchte Sie deshalb ausdrücklich ermutigen, geeignete Arbeiten und Projekte einzureichen und auch jüngere Kolleginnen und Kollegen zur Bewerbung zu motivieren. Einsendeschluss ist jeweils der 30. Juni 2026.
Neue Podcast-Folge: "Gefäße im Fokus"
Am Montag ist eine neue Folge unserer Podcast-Reihe "Gefäße im Fokus" erschienen.
Mit PD Dr. med. Achim Neufang, Leiter der Sektion Gefäßchirurgie an der Universitätsmedizin Mainz, habe ich über die Patientinnen und Patienten gesprochen, die von einem distalen oder ultradistalen Bypass profitieren, über die richtige Indikationsstellung sowie die Frage, welche Faktoren den langfristigen Erfolg einer Revaskularisation bestimmen.
Die Folge vermittelt praxisnahe Einblicke in die moderne distale und ultradistale Bypasschirurgie und zeigt, warum dieses Wissen auch in Zukunft ein unverzichtbarer Bestandteil der Gefäßmedizin bleibt.
Themen der Episode "Distale und ultradistale Bypasschirurgie: Erfolg beginnt weit vor dem OP" sind:
- Welche Patientinnen und Patienten profitieren heute von einem distalen oder ultradistalen Bypass?
- Endovaskulär oder offen-chirurgisch: Wann ist ein Verfahrenswechsel sinnvoll?
- Der Unterschied zwischen einem guten und einem exzellenten Bypass
- Die Bedeutung von Bildgebung und präoperativer Planung
- bildgebende Verfahren im Vergleich
- Warum das Angiosom-Konzept für die Bypassplanung meist nachrangig ist
- der ideale Conduit
Webinar "Behandlung der Carotisstenose: Der schmale Grat?
Am Mittwoch, den 26. August 2026, 17:00–19:00 Uhr, führt das Junge Forum der DGG in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Gefäßmedizinische Gesundheitsforschung (DIGG) ein Webinar zum Thema Die Behandlung der Carotisstenose - der schmale Grat? durch. Die Veranstaltung richtet sich vor allem an Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung, steht aber allen Interessierten offen und ist kostenfrei zugänglich.
Die Referierenden werden praxisorientiertes Wissen vermitteln und fallbasiert mit Ihnen diskutieren.
Dank und Ausblick
Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen, die sich in den vergangenen Wochen in Kommissionen, Leitliniengruppen, politischen Gesprächen, Stellungnahmen, Arbeitsgruppen und in der Vorbereitung unserer Jahrestagung eingebracht haben. Vieles davon geschieht im Hintergrund, ist aber für die Entwicklung unseres Faches von großer Bedeutung.
Die kommenden Monate sind entscheidend. Krankenhausreform, Leitlinienprozesse, Anerkennungsverfahren, Weiterbildung, Resilienz und Qualitätssicherung werden uns weiter beschäftigen. Wir werden diese Debatten nicht passiv beobachten, sondern gestalten!
Gefäßchirurginnen und Gefäßchirurgen haben allen Grund, selbstbewusst aufzutreten. Unser Fach ist klinisch relevant, technologisch innovativ, systemkritisch und menschlich unmittelbar bedeutsam. Hierfür werden wir auch in Zukunft einstehen.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Prof. Dr. med. Farzin Adili
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin