Im Februar 2024 sorgte kurz nach Veröffentlichung der im Fachjournal „European Journal of Cardio-Thoracic Surgery“ erschienenen Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Aortenerkrankungen eine Schlagzeile für Aufsehen: Die Aorta, die größte Schlagader im menschlichen Körper, wurde von einigen Fachleuten als eigenständiges Organ anerkannt. Die Aorta transportiert sauerstoffreiches Blut vom Herzen in den gesamten Körper und ist damit lebenswichtig. Erkrankungen wie Aneurysmen, also Ausbuchtungen der Aorta, oder Risse (Dissektionen) sind schwerwiegend und erfordern oft eine schnelle Behandlung. Für Privatdozent Dr. med. Farzin Adili, Vize-Präsident der DGG und Direktor der Klinik für Gefäßmedizin, Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie am Klinikum Darmstadt, steht fest: „Ob die Aorta als Organ betrachtet wird oder nicht, ändert nichts daran, dass die Therapie komplexer Aortenerkrankungen in den Händen von spezialisierten Gefäßchirurginnen und Gefäßchirurgen liegen sollte.“ Er betont: „Wir sind die Fachleute für die häufigsten Aortenerkrankungen und die richtige Anlaufstelle für Betroffene.“
Entscheidend für die Behandlung von Aortenerkrankungen sei die Expertise und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen chirurgischen Fächern. Für den Bereich der aufsteigenden Aorta – also dem Teil der Schlagader, der direkt vom Herzen ausgeht – ist häufig die Herzchirurgie zuständig. Gefäßchirurginnen und Gefäßchirurgen wiederum übernehmen die Behandlung der absteigenden Aorta sowie der Bauchaorta, wo sie sowohl offene Operationen als auch minimal-invasive Eingriffe durchführen. Gerade für Bauchaortenaneurysmen, eine häufige Erkrankung der Hauptschlagader, gibt es klare Richtlinien zur Qualitätssicherung. In Deutschland führen Gefäßchirurginnen und Gefäßchirurgen jedes Jahr rund 12.000 Operationen an der Bauchaorta durch.
Damit sind sie die Spezialisten, wenn es um die häufigsten Aortenerkrankungen geht. „Wir fordern, dass komplexe Aortenerkrankungen in spezialisierten Aortenzentren behandelt werden. Aber auch an Kliniken mit ausgewiesener gefäßchirurgischer Expertise können Eingriffe sicher und erfolgreich durchgeführt werden“, betont Adili.
Kritik an fehlender Berücksichtigung gefäßchirurgischer Expertise
Doch in der neuen Leitlinie zu Aortenerkrankungen, die Anfang 2024 veröffentlicht wurde, wird ihre zentrale Rolle nicht ausreichend berücksichtigt. Insbesondere das Bauchaortenaneurysma, welches etwa 80 Prozent der Aortenoperationen ausmacht, wird in der Leitlinie auf wenigen Spalten abgehandelt und damit stark vernachlässigt. Demgegenüber hat die European Society for Vascular Surgery (ESVS) im Juni 2024 eine Leitlinie allein zum Bauchaortenaneurysma veröffentlicht, die 140 Seiten umfasst. Privatdozent Dr. med. Farzin Adili kritisiert: „Obwohl das Fach Gefäßchirurgie die tragende Rolle in der Behandlung der zahlenmäßig häufigsten Krankheitsbilder der Aorta spielt, war keine wissenschaftliche Fachgesellschaft für Gefäßchirurgie in die Entwicklung der Leitlinie zur Aortenerkrankungen eingebunden – weder die DGG noch die Europäische Fachgesellschaft (ESVS) oder die der USA (SVS). Das muss sich dringend ändern!“ Die DGG setzt sich für eine leitliniengerechte, evidenzbasierte und qualitativ hochwertige Versorgung von Menschen mit Erkrankungen der Aorta ein. So hat die Fachgesellschaft schon vor Jahren eine Zertifizierung für Gefäßzentren entwickelt, die hohe, wissenschaftlich fundierte Anforderungen an die Therapie von Gefäßpathologien stellt. Diese können sich auch interdisziplinär von der DGG mit der Deutschen Gesellschaft für Angiologie (DGA) und der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) zertifizieren lassen oder das unabhängige RAL-Gütezeichen Aorta erwerben, für das sie ebenfalls sowohl eine exzellente Prozessqualität als auch Mindestmengen bei der Behandlung aortaler Pathologien nachweisen müssen.
Quellen:
- https://doi.org/10.1093/ejcts/ezad426
- https://www.destatis.de/DE/Themen/GesellschaftUmwelt/Gesundheit/Krankenhaeuser/Publikationen/DownloadsKrankenhaeuser/operationen-prozeduren-5231401217014.pdf?__blob=publicationFile
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37114939/
Terminhinweise
40. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e. V. (DGG)
Termin: 9. bis 12. Oktober 2024
Ort: Messe Karlsruhe
Weitere Informationen unter https://dgg-jahreskongress.de/
Online-Pressekonferenz anlässlich der 40. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. (DGG) „Gefäßchirurgie 360 Grad“
Termin: Mittwoch, 9. Oktober 2024, 12.00 Uhr bis 13.00 Uhr
Teilnahmelink: https://attendee.gotowebinar.com/register/4821233584544100699
Vorläufige Themen und Referierende:
DGG-Kongress 2024 „Gefäßchirurgie 360 Grad“ – Was passiert um uns herum?
Professor Dr. med. Martin Storck
Kongresspräsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. (DGG) 2024, Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie, Städtisches Klinikum Karlsruhe
Welt-Thrombosetag am 13. Oktober – Wie gefährlich sind Venenerkrankungen?
Dr. med. Kerstin Schick
Gefäßchirurgin, München
40 Jahre DGG – Geschichte und Perspektive: Welche Aufgaben kommen auf uns zu mit Blick auf Krankenhausreform und demographischen Wandel?
Professor Dr. med. Jörg Heckenkamp
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. (DGG),
Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie und endovaskuläre Chirurgie, Niels-Stensen-Kliniken
Marienhospital Osnabrück
Die Aorta – ein eigenständiges Organ? Was bedeutet das für Patientinnen und Patienten?
PD. Dr. med. Farzin Adili
Vize-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. (DGG), Direktor der Klinik für Gefäßmedizin, Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie am Klinikum Darmstadt
Neue Leitlinie für die Volkskrankheit Durchblutungsstörungen – Was bleibt, was gibt es Neues für die Behandlung?
PD Dr. med. Ulrich Rother
Leitender Oberarzt Gefäßchirurgie Uniklinikum Erlangen
Moderation: Dr. Adelheid Liebendörfer, DGG-Pressestelle
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