Mein erstes Jahr als Präsident der DGG geht zu Ende, und wenn ich darauf zurückblicke, denke ich vor allem: Was für ein Jahr! Wir haben gemeinsam viel erlebt, viel bewegt, intensiv diskutiert, mutige Entscheidungen vorbereitet und unsere Fachgesellschaft weiterentwickelt.
Zum Ende des Jahres möchte ich Ihnen einen kurzen Überblick geben über die Themen, die uns zuletzt besonders beschäftigt haben und die uns im kommenden Jahr weiterhin begleiten werden.
CREST-2 – Was wir für unseren Alltag mitnehmen
Die Veröffentlichung der CREST-2-Daten vor wenigen Wochen hat zu vielen Diskussionen geführt, und das zu Recht. Seit Jahren diskutieren wir, wie wir mit hochgradigen asymptomatischen Carotisstenosen umgehen sollen. Mit CREST-2 haben wir jetzt robuste Daten aus zwei großen randomisierten Studienarmen, in denen seit 2015 insgesamt 2485 Patientinnen und Patienten mit >70-prozentiger, asymptomatischer ACI-Stenose untersucht wurden.
Alle erhielten eine moderne, intensive medikamentöse Therapie. Zusätzlich wurden sie entweder zur Operation (CEA) oder zum transfemoralen Stenting (CAS) randomisiert – allerdings ohne direkten Vergleich zwischen CAS und CEA als primäres Studienziel. Im Ergebnis war die Schlaganfallrate unter rein medikamentöser Therapie höher als viele erwartet hatten. Jährliche Raten von 1,3 bis 1,7% zeigen klar, dass ein ausschließlich konservatives Vorgehen bei vielen Patientinnen und Patienten offenbar nicht ausreichend ist. CAS zeigte einen signifikanten Vorteil gegenüber alleiniger medikamentöser Therapie. 6% Ereignisse im Best-Medical-Treatment-(BMT-)Arm gegenüber 2,8% unter CAS. Das ist statistisch signifikant und klinisch relevant.
Für CEA lag eine ähnliche Tendenz vor, jedoch ohne statistische Signifikanz. Sicher nicht Ausdruck schlechter chirurgischer Ergebnisse, sondern eher eine Folge moderater Risikoreduktion bei insgesamt niedrigen periprozeduralen Komplikationsraten.
Ja, die Studie ist beeindruckend groß. Ja, sie wurde im NEJM veröffentlicht. Aber wenn man genauer hinschaut, merkt man: Die Aussagekraft für unseren klinischen Alltag ist begrenzt. Der Vorteil für CAS entsteht durch ein selektiertes Setting: Viele komplexe Anatomien und Pathologien wurden für die Intervention ausgeschlossen. Die Operation dagegen hatte kaum Ausschlusskriterien. Die Vergleichbarkeit der beiden unterschiedlichen Interventionsarme ist aus meiner Sicht daher limitiert. Die Revaskularisation bleibt wichtig. Mein Fazit: CREST-2 ist ein Meilenstein. Aber kein Endpunkt. Wer die Ergebnisse der Studie unkritisch als neue Leitlinie versteht, verpasst die eigentliche Botschaft: Wir müssen schärfer differenzieren und besser selektieren.
Weiterbildung in der Gefäßchirurgie – Viel Bewegung, noch mehr Verantwortung
Die Entscheidung der Ständigen Kommission für Weiterbildung bei der Bundesärztekammer (STIKO-WB, BÄK), die Weiterbildungszeit für alle chirurgischen Teilgebiete auf fünf Jahre zu verkürzen, hat große Unsicherheit ausgelöst. Wir stehen dazu im intensiven Austausch mit der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und allen beteiligten Fachgesellschaften sowie direkt mit der Bundesärztekammer. Unser gemeinsames Ziel ist es, die weiterhin sinnvollen Rotationen zu ermöglichen, damit die gefäßchirurgische Expertise solide aufgebaut werden kann.
Sollten diese Gespräche am Ende nicht zum gewünschten Ergebnis führen, müssen wir die Weiterbildung umfassend neu strukturieren. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, aber sie ist notwendig. Die Qualität unserer Weiterbildung entscheidet über die Stärke unseres Faches in den kommenden Jahrzehnten. Wir bleiben hier sehr klar und sehr konsequent.
Dreiländertagung in Luzern
Die Dreiländertagung war für viele von uns ein echtes Highlight. Mit 1440 Teilnehmenden war sie eindrucksvoll gut besucht und inhaltlich sehr stark. Wissenschaftliche Impulse, konstruktive Diskussionen und ein kollegiales Miteinander haben diese Tagung geprägt. Luzern hat uns nicht nur freundlich empfangen, sondern uns allen gezeigt, wie lebendig unsere Gefäßmedizin ist. Im nächsten Jahr wollen wir bei der Jahrestagung in Frankfurt diesen Weg weitergehen. Informationen dazu finden Sie hier:
Zur Website der DGG Jahrestagung
Strategiemeeting – Zukunftsthemen im Fokus
In unserem Strategiemeeting, zu dem wir im November alle Kommissions- und Sektionsleitungen nach Berlin eingeladen hatten, standen zwei zentrale Fragen im Mittelpunkt: Wie gewinnen wir mehr Nachwuchs für unser Fach und wie gestalten wir Aus-, Fort- und Weiterbildung zukunftsfähig?
Die Tagung war straff organisiert und geprägt von fokussierten und intensiven Diskussionen. Alle Kommissionen und Sektionen arbeiten inzwischen an den Leitfragen weiter, die wir dort für unser langfristiges Strategiepapier definiert haben. Die Ergebnisse bündeln wir bei unserer Vorstandsklausur im kommenden Jahr und leiten daraus eine wirkungsvolle Strategie ab. Die Richtung ist eindeutig: Wir wollen die Gefäßchirurgie und die DGG dauerhaft stark, modern und attraktiv halten.
Verstärkung der Geschäftsstelle
Ich freue mich sehr, dass Herr Felix von Billerbeck unser Team seit Dezember verstärkt. Mit seinem Hintergrund in Politikwissenschaft und Health Management unterstützt er nun unsere Geschäftsführerin, Dr. Livia Cotta. Die Aufgaben der DGG wachsen stetig und diese zusätzliche Expertise ist ein echter Gewinn.
Wechsel im Amt des Sekretärs
Zum Jahresbeginn übernimmt Prof. Christian Reeps aus Dresden das Amt des Sekretärs. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit ihm. Gleichzeitig möchte ich Prof. Tomislav Stojanovic herzlich danken. Er hat dieses Amt viele Jahre mit Ruhe, Umsicht und großem Engagement ausgefüllt. Wir alle profitieren von seiner Arbeit.
Noch mehr Informationen auf unserem LinkedIn-Kanal
Nutzen Sie unseren LinkedIn-Kanal, um sich zu vernetzen und über Aktuelles aus der Gefäßmedizin auf dem Laufenden zu sein. News von unseren Veranstaltungen lesen Sie hier immer zuerst!
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich danke Ihnen herzlich für Ihre Arbeit, Ihren Einsatz und die Energie, die Sie tagtäglich für die Gefäßchirurgie einbringen. Die Gefäßmedizin lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen und die sich nicht mit dem Status quo zufriedengeben. Wir im Vorstand jedenfalls werden diesen Weg konsequent weitergehen.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien auch im Namen des gesamten Vorstandes, der Geschäftsführung und der Mitarbeitenden in der Geschäftsstelle eine erholsame Weihnachtszeit und einen guten Start in ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2026.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Farzin Adili
Präsident der DGG